Bringen wir Sascha gemeinsam heim

Nikolaj Schesler Münnerstadt, Germany

Bringen wir Sascha gemeinsam heim

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Bitte nehmt euch die Zeit - Bringen wir Sascha gemeinsam heim Hallo mein Name ist Alexander Schesler (oder wie mich meine Freunde und Familie nennen: Sascha). Ich bin 24 Jahre alt. Ich leide mein ganzes Leben lang an der sehr seltenen Krankheit Ichthyose, man nennt sie auch die Fischschuppenkrankheit. Ich wurde immer wieder von den Menschen komisch angeschaut. Vielleicht denken Sie ja auch, dass sie sich von mir anstecken. Aber mittlerweile bin ich alt genug, um zu verstehen, dass ich etwas besonderes bin und mich deswegen die Menschen, überall wo ich mich in der Gesellschaft aufhalte, manchmal verstört manchmal wehleidig anschauen. Ich wurde so geboren und habe verschiedene Therapieansätze probiert. Manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Erfolg. Diese Krankheit gilt als unheilbar, aber man kann sie mit der richtigen Therapie eindämmen und unter diesen Umständen ein „normales“ Leben führen. Ich kann mich mit meinen besten Freunden treffen, mit Ihnen reden und gemeinsam was unternehmen. Zusammen spielen wir oft FIFA oder tauschen uns über Fußball aus. Als Werder Bremen Fan hab ich dabei nicht immer die besten Karten. Das sind meine besten Freunde und ich liebe sie. Aber ich kann diese ganz normalen Dinge, die meine Altersgenossen erlebt haben, nicht machen. Welches Mädchen will mit mir schon eine Beziehung eingehen? Ich habe dennoch nicht aufgegeben und war stolz auf mich, als ich die Ausbildung zum Bürokaufmann bei BBW - Berufsbildungswerk Rummelsberg abgeschlossen habe. Morgen geht es los, ich habe etwas Angst und kann nicht einschlafen. Denn bin noch niemals geflogen und bin nervös. Ich habe extreme Höhenangst, aber meine Freunde haben mir versichert, dass man im Flugzeug nichts von der Höhenangst mitbekommt. „Ich kann doch deswegen nicht kneifen. Es ist der Junggesellenabschied meines Bruders der in zwei Wochen seine kirchliche Hochzeit hat“, so geht es mir durch den Kopf und habe beschlossen meine Angst beiseite zu legen und das Wochenende mit meinen besten Freunden zu genießen. Endlich coole Partys in Discos oder Bars, auf welche ich in meiner Jugend auf Grund meiner Krankheit meistens verzichten musste. —————————————————— Liebe Freunde, Bekannte, Verwandte und Leute aus den Sozialen Netzwerken, in Zeiten der größten Not und Trauer halten und stehen wir zusammen. Wir helfen, aber manchmal ist das nicht ausreichend genug. Daher ist dies hier ein Spendenaufruf. Wir haben so eine Situation noch nie zuvor erlebt. Wir haben das auch bisher noch nie in dieser Art und Weise von anderen Leuten entnehmen können. Keiner kann sich ausdenken was wir durchmachen mussten. Das wünscht man keinem. Jeder € zählt und bewirkt etwas! Für diejenigen, die wissen wollen was passiert ist und für was wir sammeln: Wir haben für unseren kommenden Bräutigam und besten Kumpel einen JGA (Junggesellenabschied) organisiert - die Reise ging nach Budapest. Monatelange Planung, um ihm den bestmöglichen JGA zu ermöglichen. Am Freitag, den 30.08 ging es los. Sechs Freunde haben ihn an jenem Morgengrauen - kurz bevor er zur Arbeit aufbrechen wollte - am Auto überrascht. Unter den sechs Freunden war auch sein Bruder Sascha. Was aber zu der Zeit keiner ahnen konnte ist die schmerzhafte Tatsache, dass dies sein letzter Tag war. Der Bruder vom Bräutigam, Familienmitglied und zugleich unser enger Freund, unser Sascha ist mit 24 Jahren komplett unerwartet am Samstag, den 31.08.2019 von uns gegangen. Die tiefen Details möchten wir euch ersparen. Nur aber um vorneweg manchen Leuten den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er ist nicht bei einer exzessiven Party gestorben. Party war für uns von Anfang an, als wir in Budapest angekommen sind, ein Fremdwort. Er ist 500 Meter vor unserem Einchecken im Appartement zusammengebrochen und in der Nacht im Krankenhaus in Budapest, Ungarn verstorben. Wie konnte das passieren? Wie schon bereits erwähnt wurde versammelte sich die JGA Truppe am frühen Morgen, um gemeinsam den Bräutigam zu überraschen. Mit ihm ging es dann mit dem Zug zum Flughafen von Nürnberg. Es war eine gesellige Runde und man spürte die Vorfreude auf Budapest. Auf dem Weg spekulierte der Bräutigam wohin es gehen würde. Er sollte erst die Destination am Flughafen selbst von den Zeitplänen am Bildschirm ablesen können. Denn das einzige, was er von uns erfahren hat war die Flugzeit. Sascha wurde kurz vor dem Flug nochmal Mut zugesprochen, dass er seine Höhenangst vergessen konnte. So ging es mit bester Laune nach Budapest. Dort angekommen stellte sich die Frage wie man ins Zentrum kommt. Wir haben uns für eine Busfahrt und anschließend für eine Metrofahrt entschieden. Von der dortigen Metrostation bis zu unserem Appartement waren es nur noch 5-6 Minuten zu Fuß. Es war eine belebte Station mit vielen kleinen Geschäften, Restaurants und Supermärkten. Kurz bevor man aus dem Metrokomplex raus wollte haben wir noch einen Stopp am Supermarkt gemacht, um Getränke einzukaufen. Die eine Hälfte ging rein und die andere Hälfte mit Sascha blieb draußen. Sascha musste währenddessen auf die Toilette und hat gemeint, er würde kurz zum nahe liegenden Burger King gehen. Er ging und kam nie wieder. Alle warteten auf Sascha ein paar Minuten vor dem Supermarkt, bis so langsam eine Ungeduld und Unruhe aufkam. Es wurde im Burger King nachgeschaut, doch von Sascha fehlte jede Spur. Jeder hat ihn versucht anzurufen. Doch er ging nicht ran. Der ganze Metrokomplex wurde durchforscht. Die Gruppe hat sich aufgeteilt, um ihn separat in jeder Ecke zu suchen. Es wurden Leute befragt und Saschas Foto gezeigt, ob man diese Person hier irgendwo gesehen hätte. Doch es wurde leider alles verneint. All das hat nichts gebracht. Sascha war weg. Man hat sich beraten. „Was nun?“ Einen kurzen Moment später wurde ein Gruppenmitglied angerufen, dass unsere Aktivitäten bald starten würden und unser persönlicher Fahrer uns vom Appartement abholen wird. Doch all diese ganzen Aktivitäten wie Paintball, crazy nightbus Fahrten oder Speedboat interessierte keinen mehr, wir wollten unseren Sascha finden. Es musste also eine schnelle Lösung her, unser Guide, die mit uns die Aktivitäten begleitet und durchgeführt hätte half uns mit ihrem Ungarisch dabei. Wir gingen zur Polizei und erzählten was passiert ist. Normalerweise werten sie so schnell keine Kameras aus. Doch da er eine Krankheit hat und die Dringlichkeit aus unseren Worten abzuhören war, entschloss sich die Polizei zum Burger King zu gehen, um dort die Kameras auszuwerten. Doch auf den Kameras konnte man ihn nicht sehen. Das bedeutete, dass er nie im Burger King war. Der Prozess ging weiter, als nächstes hat man die Kameras vom Metrokomplex ausgewertet. Tatsächlich ein Erfolg. Man hat ihn auf einer Kamera erkannt. Aber wo? Es waren leider keine guten Nachrichten, denn die Kamera hat aufgezeigt wie Sascha auf der andere Seite aus der Metrostation raus gegangen ist. Dann hat die Kamera ihn verloren. Wir haben dort daraufhin alles durchgesucht. Ohne Erfolg. Niedergeschlagen gingen wir in unser nahe gelegenes Appartement, um uns dort zu beraten wie es weitergehen soll. Wir haben ihn auf sämtlichen Plattformen kontaktiert und beim gefühlt tausendsten Anruf auf sein Handy ging jemand ran. Eine Krankenschwester, die uns mit gebrochenem Englisch mitgeteilt hat, dass Sascha im Krankenhaus liege. Schnell wurde die Adresse des Krankenhauses notiert und aufgelegt. Erleichterung legte sich breit. Endlich wissen wir wo Sascha ist. Wir dachten uns, dass er eventuell ein Schwächeanfall hätte. Schnell haben wir ein Taxi gerufen und uns aufgeteilt. Drei von uns sind sofort ins Krankenhaus und sollte dem Rest antworten, wie es Sascha geht und ob sie mit ihm bereits heute rauskommen. Eine Stunde verging bis man Nachrichten aus dem Krankenhaus erhielt. Die Nachricht hat uns getroffen wie ein Blitz. Erstarrt blickten wir auf die Worte des Displays „Sascha liegt im Koma“. Ein paar Minuten später „Kritischer Zustand“. Schnell machte sich die zweite Gruppe auf den Weg ins Krankenhaus. Die Fahrt dorthin war eine schreckliche. Mit tausend Fragen im Kopf, mit einer Angst die uns gelähmt hat. Angekommen am Krankenhaus haben wir die zweite Gruppe angetroffen. Was nun folgte, wollen wir vergessen. Es fällt mir immer noch schwer passende Worte zu finden und diese Worte überhaupt nieder zu schreiben. Der Bräutigam richtete folgende Worte zu uns: „Die Ärzte haben alles in ihrer Macht stehende getan. Aber Sascha, unser Sascha wird die Nacht wahrscheinlich nicht überleben. Er ist draußen kollabiert und wurde aufgefunden und sofort ins Krankenhaus gebracht. Er hat wahrscheinlich wenige Minuten in der Sonne gelegen, bevor er ins Krankenhaus kam. Daraufhin hatte er Fieber. Dieser Fieber hat bewirkt, das seine Organe nach und nach ausgesetzt haben. Unser Sascha wird sterben.“ Wir können nicht beschreiben, was danach folgte. Ein Schock, eine innere fürchterliche tiefe Leere,weinen. Danach sagte der Bräutigam noch, dass er sich schon von Sascha verabschieden musste. Es bestand also keine Hoffnung mehr. Eine Viertelstunde später wurde Niko unser Bräutigam gerufen, dass er die persönlichen Gegenstände von Sascha abholen soll. Der darauffolgenden Anblick brach uns allen das Herz. Niko mit einem durchsichtigen Müllsack mit den Gegenständen von Sascha wie Schuhen oder sein Hawaihemd, dass er den ganzen Tag getragen hat. So viel ist also vom Menschen übrig geblieben. Danach lagen wir uns alle in den Armen, weinten, lagen uns wieder in der Armen und weinten wieder. Nie wieder werden wir das vergessen. Die knapp 4 Kilometer vom Krankenhaus zum Appartement haben wir daraufhin wie in Trance, in einer unglaublichen Stille, im Tunnelblick absolviert. Wir wissen nicht wie lange wir gebraucht haben aber diese Momente werden uns ein ganzes Leben lang prägen. Es sollte eines der schönsten Wochenenden für den Bräutigam werden, es wurde zum schlimmsten. Wobei schlimm noch nicht genug Aussagekraft hat. Es ist eine Tragödie. Man reist in bester Laune zu siebt an und kehrt zu sechst zurück. Die Situation an sich ist schon belastend genug. Hinzu kommen nun alle Formalitäten und immense Kosten mit welchen sich die Familie herumschlagen muss. Es geht um die internationale Überführung, Leichentransport und Beerdigung. Es geht auch eventuell um die Krankenhauskosten, da unser verstorbener Freund keine Auslandsversicherung hatte. Das wird im Moment noch geregelt. Es war sein erster Flug überhaupt und man hatte nicht daran gedacht, eine Auslandsversicherung abzuschließen. Die Kosten werden sich wahrscheinlich über dem fünfstelligen Bereich befinden. Wir wollen helfen und möglichst viele mobilisieren. Egal wie hoch der Betrag ist. Eine Spende ist eine Spende. Sie muss vom Herzen kommen. Die Beerdigung wird in 97702 Münnerstadt stattfinden. Weitere Details werden folgen.

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Nikolaj Schesler
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04. September 2019
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